Todeszeitschätzung aus der Rektaltemperatur: das Henssge-Nomogramm in der Praxis
Die Rektaltemperatur ist der am häufigsten genutzte Befund zur Schätzung der Todeszeit in den ersten Stunden nach dem Tod. Das Ergebnis ist aber nur so gut wie die gewählten Eingaben und nur so ehrlich wie die Unsicherheit, die man dazu angibt.
Warum die Temperatur und warum keine lineare Regel
Ein Körper kühlt nicht gleichmäßig ab. Auf den Tod folgt ein Temperaturplateau, in dem der Kern kaum abkühlt (etwa 0,5 bis 3 Stunden), danach ein exponentieller Abfall, der sich verlangsamt, je näher die Körpertemperatur der Umgebungstemperatur kommt. Die alte lineare Regel (Glaister und Rentoul: 0,83 °C pro Stunde ab 36,9 °C) kennt diesen Verlauf nicht. Im Plateau und in der Spätphase unterschätzt sie die Leichenliegezeit, bei schneller Abkühlung überschätzt sie sie, und ihr Fehler liegt selbst unter günstigen Bedingungen in der Größenordnung von ± 3 bis 4 Stunden.
Das Modell von Marshall und Hoare und das Henssge-Nomogramm
Henssge (1988) baute auf dem doppelt exponentiellen Abkühlungsmodell von Marshall und Hoare (1962) auf. Grundlage ist das Verhältnis Q = (Tr − Ta) / (T₀ − Ta), wobei Tr die Rektaltemperatur, Ta die Umgebungstemperatur und T₀ die Kerntemperatur zum Todeszeitpunkt ist (standardmäßig 37,2 °C). Die Abkühlgeschwindigkeit bestimmt die Konstante B, die von der Körpermasse M und dem Korrekturfaktor f abhängt: B = −1,2815 · (f · M)−0,625 + 0,0284.
Für Umgebungstemperaturen bis 23,2 °C gilt Q = 1,25 · eBt − 0,25 · e5Bt, ab 23,3 °C Q = 1,11 · eBt − 0,11 · e10Bt. Die Gleichung lässt sich nicht geschlossen nach t auflösen; das Nomogramm löst sie grafisch, Apps lösen sie numerisch.
Der Korrekturfaktor: die größte Fehlerquelle
Der Korrekturfaktor passt die wirksame Körpermasse an Bekleidung, Bedeckung, Nässe und Luftbewegung an. Der Wert 1,0 entspricht einem unbekleideten Körper oder einer dünnen Schicht bei ruhender Luft. Als Orientierung: Körper im Wasser 0,35 bis 0,5, durchnässter Körper oder bewegte Luft 0,7 bis 0,75, eine bis zwei dünne Schichten 1,1, dickere Kleidung 1,3, dicke Kleidung mit Decke 1,8 und starke Isolation durch ein Federbett 2,4. Bei starker Isolation hängt der Faktor zusätzlich von der Körpermasse ab (Henssge 1992). Ein Faktor außerhalb von 0,35 bis 2,8 ist ein Signal, die Bedingungen noch einmal zu prüfen.
Wie breit ist das 95-%-Intervall
Die zulässige Abweichung ist keine Konstante. Nach der Legende des Nomogramms (Henssge 1988; Madea 2016) beträgt sie bei Q über 0,5 ± 2,8 Stunden. Bei 0,5 ≥ Q über 0,3 sind es ± 3,2 Stunden ohne und ± 4,5 Stunden mit Korrekturfaktor, bei 0,3 ≥ Q über 0,2 ± 4,5 bzw. ± 7 Stunden. Sinnvoll ist die Berechnung nur bis zum sogenannten kritischen Q: 0,2 bei Umgebungstemperaturen unter 23,3 °C und 0,5 ab 23,3 °C. Unterhalb dieser Grenze führt schon ein kleiner Messfehler der Temperatur zu einem großen Fehler der Schätzung (Sauer et al. 2024).
Das Intervall ist als Orientierung zu verstehen. Eine Validierung der kombinierten Methode nach Henssge und Madea an 76 Verstorbenen mit bekannter Todeszeit (Heinrich et al. 2025) fand die tatsächliche Todeszeit nur in 37 % der Fälle innerhalb des 95-%-Intervalls: bei vor der Messung kühl gelagerten Leichen in 27 %, bei warm gelagerten in 62 %. Die Temperaturschätzung sollte daher mit weiteren Befunden wie Totenflecken und Totenstarre kombiniert werden, wie es die Komplexmethode vorsieht (Henssge, Madea und Gallenkemper 1988).
Wann das Ergebnis nicht gilt
- Die Umgebungstemperatur war nicht konstant (Leiche bewegt, Fenster geöffnet, Heizung verändert, Veränderungen am Fundort). Ein geöffnetes Fenster kann einen kleinen Raum im Winter um mehrere Grad abkühlen, und die Rückkehr zur Ausgangstemperatur dauert bis zu dreimal so lange, wie das Fenster offen war (Sauer et al. 2024).
- Der Körper liegt im Wasser oder war durchnässt, und die Bedingungen haben sich geändert.
- Fieber oder Hypothermie vor dem Tod: Die Ausgangstemperatur lag nicht bei 37,2 °C.
- Messung im Plateau (Q über 0,9) oder unterhalb des kritischen Q (0,2, in warmer Umgebung 0,5).
Wie 4n6 Tools damit umgeht
Das Werkzeug Henssge in 4n6 Tools hilft bei der Wahl des Korrekturfaktors nach Bekleidung und Umgebung, löst die Gleichung numerisch, gibt das Intervall für den jeweiligen Q-Bereich an und warnt bei nicht validierten Bedingungen (warme Umgebung mit niedrigem Q, Plateau, extremer Faktor). Aus dem Messzeitpunkt berechnet es Datum und Uhrzeit des Todes und übernimmt das Ergebnis mit den Quellen in den Fallbericht. Die Glaister-Regel steht nur zum Vergleich zur Verfügung.
Literatur
- Henssge C. Death time estimation in case work I. The rectal temperature time of death nomogram. Forensic Sci Int. 1988;38(3–4):209–236. doi:10.1016/0379-0738(88)90168-5
- Henssge C, Madea B, Gallenkemper E. Death time estimation in case work II. Integration of different methods. Forensic Sci Int. 1988;39(1):77–87. doi:10.1016/0379-0738(88)90120-x
- Marshall TK, Hoare FE. Estimating the time of death. The rectal cooling after death and its mathematical expression. J Forensic Sci. 1962;7(1):56–81.
- Henssge C. Rectal temperature time of death nomogram: dependence of corrective factors on the body weight under stronger thermic insulation conditions. Forensic Sci Int. 1992;54(1):51–66. doi:10.1016/0379-0738(92)90080-g
- Madea B, ed. Estimation of the Time Since Death. 3rd ed. Boca Raton: CRC Press; 2016.
- Heinrich F, Rimkus-Ebeling F, Dietz E, et al. An assessment of the Henssge method for forensic death time estimation in the early post-mortem interval. Int J Legal Med. 2025;139(1):105–117. doi:10.1007/s00414-024-03338-5
- Sauer P, Lux C, Gruber H, Verhoff MA, et al. Detrimental effects of scene manipulations on temperature-based time since death estimation. Int J Legal Med. 2024;138(5):1991–2002. doi:10.1007/s00414-024-03252-w